“No, Robots Aren’t Killing the American Dream“

So titelte am 20. Februar 2017 ein Artikel des Editorial Boards der New York Times. Es seien viel mehr Politiker, die es verpasst hätten, die Früchte des technologiegetriebenen Gewinnwachstums angemessen zu verteilen. Die Wiederherstellung des amerikanischen Traums? Ein Amalgam aus Massnahmen der Umverteilung, Bildungs- bzw. Weiterbildungsinitiativen und Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle.

„...the problem with automation isn’t robots; it’s politicians, who have failed for decades to support policies that let workers share the wealth from technology-led growth.” (New York Times, 2017)

Wieso mich dieser Artikel zu einem Blog-Post bewegt? Ich habe das Gefühl, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir die „Schuld“ an einem potentiellen Beschäftigungsrückgang aufgrund von Automatisierung auf Politiker schieben. Wieso soll ich von jemandem, der keinerlei professionelle Voraussetzungen erfüllen muss, um gewählt zu werden, erwarten, dass er bzgl. meines eigenen Schicksals weitsichtiger denkt und handelt als ich? Buchstabieren wir also zurück und diskutieren über die Art des Problems der Automatisierung für die Beschäftigung, bevor wir über Massnahmen streiten, die wir politisch vorantreiben möchten. Als Einstieg einige Daten zum Anteil der ICT-Investitionen der Schweiz im Verhältnis zu anderen Nationen.

Verdrängt Technologie Beschäftigung?

Das Verhältnis zwischen Technologie und Beschäftigung ist nicht unkompliziert. In der derzeitigen Debatte dominieren die Schwarzmaler; diejenigen, die behaupten, dass Technologie stets zu einer Substitution von menschlicher Arbeit führt. Die Logik geht so: Wenn eine Maschine oder eine Software die Arbeit verrichtet, die ich bisher verrichtet habe, dann wird meine Tätigkeit obsolet. Den Schwarzmalern gegenüber stehen die Technologie-Jünger. Sie predigen ein harmonisches Zusammenspiel zwischen technologischen Möglichkeiten und der menschlichen Kreativität, die sich gegenseitig zu immer neuen Sphären der Produktivität und Innovation hinaufschaukeln. Menschliche Arbeit und Technologie verhalten sich demzufolge komplementär zueinander.

Tatsächlich trifft beides zu. Im Jahr 1900 waren 41% der Erwerbstätigen in den USA in der Landwirtschaft beschäftigt. Technologischer Wandel bzw. Automation liess diesen Anteil bis ins Jahr 2000 auf 2% schrumpfen, ermöglichten allerdings gleichzeitig die Ausbildung der industriellen Produktion und des Dienstleistungssektors. Dank Bildung und neuer Möglichkeiten wanderten die Menschen massenweise in die entstehenden Wirtschaftsbereiche. Ebenso haben Computerisierung und mechanische Automatisierung gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts nicht dazu geführt, dass Menschen heute massenweise keine Arbeit haben – lassen wir die Entwicklungsländer vorerst beiseite. Wie passt das zusammen? Sind die Schwarzmaler realitätsfremd?

Grundsätzlich ist arbeitsbezogener technologischer Wandel – egal ob Traktor, Montageband oder Excel – darauf angelegt, physisch anstrengende, repetitive und/oder kognitiv fehleranfällige menschliche Arbeit zu ersetzen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aufgaben allerdings, die nicht durch Automation substituiert werden können – und diese gibt es gemäss der O-Ring-Theorie in einem Produktionsprozess immer –, werden durch die Technologie ergänzt. Menschliche Arbeit gewinnt in der Produktionsfunktion gar noch an ökonomischen Wert. Man könnte sagen, technologischer Fortschritt treibt den Veredelungsprozess von menschlicher Arbeit voran - also von der noch verbliebenen.

Quelle: The Economist (2014).

Technologischer Wandel polarisiert den Arbeitsmarkt

Diese Einsicht ist aus der Perspektive des Einzelnen allerdings wenig hilfreich. Aus der individuellen, einkommenszentrierten Optik kommt es nämlich darauf an, wie viele andere sich um die noch verbliebene menschliche Arbeitskomponente bewerben und ob man diese Mitbewerber mit der eigenen Qualifikation übertrumpfen kann. In diesem Wettbewerb um die verbliebenen Komponenten der Arbeit, die menschliches Zutun erfordern, liegt die Krux im Verhältnis zwischen Technologie und Beschäftigung. Nicht jede verbliebene Komponente erfordert die gleichen professionellen Qualifikationen und wird gleich gut entschädigt. Manche Anforderungen sind höher als andere und führen in Kombination mit der Anzahl potentieller Bewerber zu völlig unterschiedlichen Beschäftigungs- und Lohnverhältnissen. (Und jetzt können Sie kurz über die Situation in Entwicklungsländern nachdenken.) Die Veränderungen auf dem US-Arbeitsmarkt im Laufe der Geschichte sind gut dokumentiert.

Rollt eine neue Welle technologischen Fortschritts an, die bisherige Arbeitskomponenten automatisiert, findet auf dem Arbeitsmarkt eine Polarisierung statt. Die derzeit voranschreitende Computerisierung von “Routinetätigkeiten” in weiten Teilen des Dienstleistungsbereichs, der heute von der Mitte der Gesellschaft betrieben wird, schiebt die Menschen entweder in Beschäftigungsverhältnisse mit höheren oder tieferen Qualifikationsanforderungen und Einkommensperspektiven. Was glauben Sie, welcher Haufen grösser sein wird?

Quelle: Autor (2015).

Sind Sie Optimist oder Pessimist?

Wenn Sie an die Neugier im Menschen und an dessen Fähig glauben, sich ständig aus- und weiterzubilden, dann gibt es auch beim jetzigen technologischen Wandel keinen Grund anzunehmen, dass wir uns nicht wie früher für Neues und bisher Unbekanntes befähigen könnten. Sie werden vermutlich dann auch zu denjenigen gehören, die versuchen werden, mehr Menschen in die besser qualifizierte Kategorie zu „schieben“. Es lohnt sich darin zu arbeiten, denn Menschen in dieser Kategorie von Jobs werden dank und mit dem technologischen Wandel zunehmend besser für ihre Arbeit entlohnt werden - das menschliche Zutun wird in diesen Bereichen von immer grösserem Wert in der Kette der Produktion. Es werden mit ziemlicher Sicherheit Investitionen in Aus- und Weiterbildung sein, die Sie als politisch unterstützungswürdig erachten und als Lösung der technologischen "Gefahren" propagieren. Ihr Ziel ist es, die Polarisierung so stark wie möglich zu mindern.

Wenn Sie aber glauben, dass es „natürlicherweise“ so ist, dass nur ein bestimmter, kleinerer Teil der Gesellschaft fähig ist, einen hohen Bildungs- und Ausbildungsstand zu erreichen, dann werden Sie dem derzeitigen technologischen Wandel mit grosser Besorgnis entgegenblicken. Sie gehen vermutlich davon aus, dass die Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt nicht zu verhindern sein wird. Aus Ihrer Sicht, werden wir deshalb vermutlich über kurz oder lang nebst einem substantiellen Beschäftigungsrückgang in der Mitte der Gesellschaft auch einen enormen Lohndruck in Branchen mit niedrigen Qualifikationsanforderungen haben. Lösungsansätze beinhalten für Sie wahrscheinlich höhere Besteuerungen der Unternehmen, der Individuen und vielleicht sogar der Roboter, die alle dank des technologischen Fortschritts noch höhere Gewinne erzielen. Auch ein garantiertes Grundeinkommen kommt für Sie in Frage, um mit der neuen Realität klar zu kommen.

“…gains from improving technology have been concentrated at the top, damaging the middle class, while politicians blame immigrants and robots for the misery that is due to their own failures. Eroded policies need to be revived, and new ones enacted.” (New York Times, 2017)

Beide Ansichten sind Extreme eines Meinungsspektrums. Die "Wahrheit" liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Fahrlässig an der Haltung der Optimisten ist, dass die Projektion der Erfahrung aus der Geschichte auf die Zukunft oft dem Ratschlag gleicht, den kommenden Strassenverlauf beim Autofahren auf Basis eines Blicks in den Rückspiegel einzuschätzen. Bedauernswert an der Haltung der Pessimisten ist, dass sie einer Kapitulation der Gesellschaft gegenüber dem technologischen Wandel gleicht. Wir sollen uns damit abfinden, dass auch hier eine Spezialisierung stattfindet; wonach in Zukunft ein Teil der Gesellschaft den anderen finanziell "durchbringt".

Ich kann nicht sagen, wo ich genau stehe. Ich tendiere aber zur folgenden Haltung:

“A human being should be able to change a diaper, plan an invasion, butcher a hog, conn a ship, design a building, write a sonnet, balance accounts, build a wall, set a bone, comfort the dying, take orders, give orders, cooperate, act alone, solve equations, analyze a new problem, pitch manure, program a computer, cook a tasty meal, fight efficiently, die gallantly. Specialization is for insects.” (Robert A. Heinlein)

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